Alles hat seine Stunde

Orgel St. Sebastian

Friedhofskapelle St. Sebastian

Manual und angehängtes Pedal mit „kurzer“ Oktav

Friedhofskapelle St. Sebastian

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit:
eine Zeit zum Gebären / und eine Zeit zum Sterben, / eine Zeit zum Pflanzen / und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen,
eine Zeit zum Töten / und eine Zeit zum Heilen, / eine Zeit zum Niederreißen / und eine Zeit zum Bauen,
eine Zeit zum Weinen / und eine Zeit zum Lachen, / eine Zeit für die Klage / und eine Zeit für den Tanz;
eine Zeit zum Steinewerfen / und eine Zeit zum Steinesammeln, / eine Zeit zum Umarmen / und eine Zeit, die Umarmung zu lösen,
eine Zeit zum Suchen / und eine Zeit zum Verlieren, / eine Zeit zum Behalten / und eine Zeit zum Wegwerfen,
eine Zeit zum Zerreißen / und eine Zeit zum Zusammennähen, / eine Zeit zum Schweigen / und eine Zeit zum Reden,
eine Zeit zum Lieben / und eine Zeit zum Hassen, / eine Zeit für den Krieg / und eine Zeit für den Frieden.

Diese oft pessimistisch eingeschätzten, wohl aber im Kontext überaus realistisch und positiv zu verstehenden Verse aus dem Buch Kohelet (Buch der Prediger) des Alten Testaments waren im Zentrum einer Begräbnisliturgie, die ich gestern in meiner Heimat mitgestalten durfte. Binnen weniger Wochen waren zwei Geschwister gestorben, die für mich in schon in Volksschulzeiten meine Begeisterung für Musik im Allgemeinen und Orgel im Besonderen, weckten, prägten und förderten.

Martha (*1936) und Hugo (*1939) Leithner waren zeitlebens als Pädagogen und engagierte Organisten tätig, uneitel und zuverlässig, selbstbewusst und streitbar, aber immer im Dienst der Religion und der Musik. Nun war es Zeit, sich von ihnen zu verabschieden. Musik von Muffat, Froberger, Pachelbel und J.S. Bach an der historischen Orgel der Pestkapelle St. Sebastian in Münzkirchen als letztes Geleit: In paradisum deducant te angeli. Alles hat seine Zeit!

PS: ein Tipp für Allerseelen 2020: ein Link zu einer 2019 (!)  erschienenen CD des Festivals Dialoge aus dem Jahr 2005, bei dem ich an der Orgel mitwirken durfte: Mozart Requiem in „Torso“-Fassung mit Einschüben von Georg Friedrich Haas.

https://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/art/mozart-requiem-haas-sieben-klangraeume/hnum/8816818

Noli me tangere – Ostern 2020

Social distancing ist das Schlagwort dieser Tage. Abstand halten ist gefragt. Auch aus der Bibel ist diese Aufforderung nicht unbekannt. Von Jesus Christus sind bei seiner Begegnung mit Maria Magdalena nach der Auferstehung die Worte „Noli me tangere“ überliefert, „berühre mich nicht“ oder – dem altgriechischen Original folgend „halt mich nicht fest“. Dieses „Noli me tangere“ gilt also ganz besonders zu Ostern 2020, wo die Corona-Pandemie die halbe Welt in Bann hält. Dass es auch einen Bezug zur Orgel gibt, ist wohl nicht so häufig bekannt. Vor allem in der Barockzeit hat man größten Wert auf Symmetrie gelegt. Auch die Registerzüge, die damals traditionell links und rechts der Klaviatur(en ) angebracht waren, mussten in ihrer Anzahl jeweils gleich sein. Wenn aber keine weitere Pfeifenreihe oder sonstige technische Funktion damit verbunden war, hat man den Registerzug einfach mit „noli me tangere“ beschriftet, ein Hinweis für den Organisten, dass er hier gar nicht ziehen brauche.

Zurück zu Corona: vielfach wird derzeit diskutiert, wie sehr denn physische Präsenz noch nötig sei. In Zeiten von Teleworking und unzähligen Live-Streams scheint das virale Netz ausreichend zu sein. Der Medientheoretiker Peter Weibel postuliert sogar das Ende der Nahgesellschaft, das Zeitalter der „Ferngesellschaft“, vom griech. „tele“ abgeleitet. Das Publikum in Fußballstadien, in Opern- und Konzerthäusern wäre auch heute schon bloße Staffage. Das Geschäft und das Ereignis haben sich schon längst in die virtuelle Welt verlagert.

Dem kann ich als Musiker und Musikhörer nur entschieden entgegentreten. Noch nie hat für mich ein virtuelles Musikerlebnis die Intensität einer Live-Performance erreicht und so viel Gänsehaut, Trauer- oder Glücksmomente erzeugt. Ob Fußballer oder Musiker, für beide gilt, dass die Stimmung, die vom Publikum übermittelt wird, oft einen entscheidenden Einfluss auf die Performance hat.

Deshalb mein Appell an alle, noli me tangere, damit wir einander bald wieder berühren dürfen.

Telepathische Grüße

AH

PS: für die Zeit bis dahin doch ein paar Links zu virtuellen Aktivitäten der vergangenen Wochen:

www.w24.at/Sendungen-A-Z/jetztmiteinand/Uebersicht?video=17835

www.facebook.com/ovi.at

Haydn an der historischen Sonnholz-Orgel in Mariabrunn

Die historische Sonnholz-Orgel der Pfarr-und Wallfahrtskirche Mariabrunn steht im Fokus der Wiener Orgelkonzerte 2019. Mit dem Ensemble für Alte Musik dolce risonanza und Renate Sperger sowie Anton Holzapfel an der Orgel werden deren wundervolle Klangfarben in idealer Weise präsentiert.

Donnerstag, 24. Oktober 2019, 19:30 Uhr
in der Pfarrkirche Mariabrunn, Hauptstraße 9, 1140 Wien

Werke von J. Haydn, G. Reutter d.J, J.G. Albrechtsberger, J.G. Wagenseil und Leopold Mozart

– anschließend Orgelbesichtigung.

Ob Joseph Haydn tatsächlich an der Sonnholz-Orgel in Mariabrunn  musiziert hat, ist historisch nicht belegt, auch wenn eine Darstellung aus dem 19. Jahrhundert dies suggeriert. Seine Orgelkonzerte sind jedenfalls an der jüngst renovierten Orgel bestens zu realisieren, genauso wie jene der Zeitgenossen Albrechtsberger, Reutter, Wagenseil und nicht zuletzt Leopold Mozart.

Eröffnungskonzert der Wiener Orgel­konzerte am 3. Okt. 2019

Herzliche Einladung zum Eröffnungskonzert der neuen Saison der Wiener Orgelkonzerte. Auf Initiative des neuen künstlerischen Leiters Peter Planyavsky wird der international renommierte Organist Guy Bovet in Wien zu Gast sein.

Donnerstag, 3. Oktober 2019, 19:30 Uhr
in der Pfarre St. Elisabeth, Elisabethplatz, 1040 Wien
– anschließend Orgelbesichtigung.

Seit dem legendären Bach-Orgelzyklus 1985 hat die von Gerhard Hradetzky errichtete Orgel einen fixen Platz in der Orgellandschaft Wiens eingenommen. Mit dem Eröffnungskonzert 2019 wird der besondere Stellenwert dieses Instruments dokumentiert, wenn Guy Bovet, ein international renommierter Starorganist, dieses Instrument spielen wird.

Eröffnungskonzert 2019

Salzburger Tafelmusik zur Festspieleröffnung

Beim Fest zur Festspieleröffnung am 20. Juli 2019 erklingt Tafelmusik des Salzburger Domvikars und Regens Chori, Andreas Christoph Clamer (1633–1701). Das einzig (fast vollständig) erhaltene Opus von Clamer ist die Mensa Harmonica, Tafelmusik gewidmet Fürsterzbischof Max Gandolph Graf zu Kuenburg. Das Ensemble dolce risonanza lädt in das historische Palais Kuenburg, das der Fürsterzbischof an der Sigmund-Haffner-Gasse für seine Verwandten umbauen ließ. Bekannte und hochgeschätzte Musik von Georg Muffat und Ignaz Heinrich Biber wird der weitgehend in Vergessenheit geratenen Musik Clamers gegenübergestellt. Erwartet man bei dieser Tafelmusik leichte Kost, wird man ob der von Clamer verwendeten Zutaten, der starken Aromen und ungewöhnlichen Gewürze vielleicht überrascht sein – dem Erzbischof hat es gemundet.

Auch beim Fest zur Festspieleröffnung sind die Karten rar. Details und Karteninfo: www.salzburgerfestspiele.at

Wer zuhause diese höchst interessante Musik nachhören will, bestellt einfach die CD unter Töne.

Oder er/sie besucht das Ensemble dolce risonanza am 15. und 16. Juli in der Wiener Ruprechtskirche oder am 17. Juli im Rahmen einer „Eat art bey Daniel Spoerri“ in Hadersdorf am Kamp. Doch das ist eine andere Geschichte: Gerne hätten wir ein Fallenbild von Daniel Spoerri für das Cover der CD verwendet, die Nutzungs­rechte­vereinbarung mit dem Museums­träger war schon unterschrifts­reif. Allein das Platten­label konnte mit solcher Kunst nicht mithalten: „Nee Herr Holzapfel, diese abgegessenen Teller und angebissenen Würstchen können wir unseren Kunden nicht zumuten“, hieß es damals lautstark. Umso mehr freut es uns, bei Daniel Spoerri zu Gast in Hadersdorf sein zu dürfen!

Details unter Termine.

Wiener Orgelkonzerte: Fasching­konzert am 28. Februar 2019

Herzliche Einladung zum Faschingskonzert der Wiener Orgelkonzerte. Traditionell wird dies in der Hochschulkirche St. Ursula in der Johannesgasse begangen. Team­mitglieder und lang­jährige Freunde des WOK präsentieren Vergnügliches, Heiteres und Effekt­volles. In bewährter Weise wird Univ.Prof. Peter Planyavsky die Moderation übernehmen.

Donnerstag, 28. Feburar 2019, 19:00 Uhr
St. Ursula, Johannesgasse 8, 1010 Wien

Nicht zu kurz kommen soll in meinem musikalischen Beitrag der Jahresregent 2019, Leopold Mozart. Er hat den „Inwohnern von Salzburg“ für das Hornwerk auf der Salzburger Festung einige Variationen zum Monat März gewidmet.

Nicht so freundlich gesonnen war ein anderer Kunst­schaffender, dessen 30. Todestag heuer gedacht wird. Thomas Bernhard hat in vielen seiner Werke den Einwohnern verschiedener Städte deutlich die Leviten gelesen. Ein ganzer Band mit „Städte­beschimpfungen“ wurde erst kürzlich veröffentlicht.
Hier findet sich auch die Brücke zwischen Leopold Mozart und Thomas Bernhard. Ersterer stammte bekannter­maßen aus Augsburg. Letzterer hat diese Stadt in seinem Stück „Die Macht der Gewohnheit“ mit einer Reihe von Schimpf­tiraden bedacht: „Gibt es denn in Augsburg überhaupt einen Arzt, einen Rheuma­spezialisten, in  diesem muffigen, verabscheuung­swürdigen Nest, in dieser Lech­kloake?“. 

Der Protest der Augsburger gegen die Uraufführung bei den Salzburger Festspielen 1974 ließ nicht lange auf sich warten. Vom Ober­bürgermeister bis zum Vorsitzenden der Mozart­gemeinde Augsburg mussten alle Vertreter von Rang und Namen ausrücken, um den Ruhm der Stadt wieder herzustellen. Ein offener Brief  (Quelle: Suhrkamp, Städtebeschimpfungen) eines Augsburger Bürgers sei auszugsweise angeführt:

… Wir stellen die Frage, wie kamen Sie auf Augsburg? Eine öster­reichische Stadt zu nehmen, wie Linz, Klagenfurt, Graz zum Beispiel, hätte Sie Ihren Ruf gekostet, so gingen Sie über die Grenze. Sie griffen sich eine bundes­deutsche Stadt heraus, von der Sie die geringste Gegenwehr erwarteten …

Groß ist Augsburgs Kunstgeschichte … Dass Mozart einer Augsburger Familie entstammte, Bert Brecht Sohn eines Augsburger Industriellen war, ist Ihnen bekannt.

… Sie stoßen sich auch an den Essens­gewohnheiten unserer Bürger. Rettich widerstrebt Ihrem Geruchs­sinn. Er gehört nun mal zur ur­bayrischen Brot­zeit, und Sie müßten ihn einmal zusammen mit bayrischem Käse und unserem Bier kosten!

In diesem Sinn: An Guadn!

Anton Holzapfel, geboren in Schärding am Inn, bis 1779 bayrisch …